Wilder Mekong

Der Mekong hat viele Gesichter: mal wild, mal gemächlich. Er ist so vielfältig wie die Kulturen und Menschen an seinem Ufern. Immerhin durchfließt die südostasiatische Lebensader, die ein Einzugsgebiet von 800000 Quadratkilometern umfasst, sechs Länder. Peggy Günther bereiste den faszinierenden Strom an Bord der MEKONG PEARL.




37363737














Ist das nicht ein wenig zu schnell?“, murmelt Kreuzfahrtdirektor Benedikt Göller und eilt zur Reling, um zu beobachten, wie das Heck der Mekong Pearl sich schwungvoll dem Ufer nähert. „Wo wollen die Kapitäne denn hier anlegen?“, fragt sich unterdessen der Passagier, der es Göller gleichtut. Doch die Crew weiß, was sie tut und nur wenige Minuten später ist das Teakholzschiff an einigen Bäumen festgebunden und die bordeigene Gangway verbindet Schiff und Ufer. Der erste reguläre Stopp der Mekong Pearl im laotischen Huay Xai ist vorbereitet: Die steile Uferböschung wurde mit dem Spaten begehbar gemacht, der Bootsmanager besucht mit den Reisepässen aller Passagiere die örtlichen Beamten, um die Einreiseformalitäten zu klären. Gestartet ist das Schiff einige Kilometer flussaufwärts in Thailand.


37323731373337343735


Bereits während des ersten Vormittags auf dem Mekong kreuzte das Schiff immer wieder hin und her, um Sandbänken oder Felsen auszuweichen. Für diese herausforderungsvolle Aufgabe sind auch gleich drei Kapitäne an Bord, von denen jeder ein Experte für einen der befahrenen Flussabschnitte ist. Sie stammen alle aus Familien, die auf Frachtern arbeiten. Mit 50 bis 60 Frachtern hat Laos übrigens die größte Flotte der Region für den Reistransport. Die Kapitäne haben das Manövrieren auf der „Mutter allen Wassers“, wie der Mekong auf laotisch heißt, von ihren Vätern gelernt. Ein Patent gibt es hier nicht. Genauso wenig wie Flusskarten. Dafür wechselt der Fluss viel zu häufig seine Gestalt, findet neue Wege. Manchmal verändert sich der Wasserstand sogar um mehr als einen Meter pro Nacht, wenn in China ein Staudamm weiter oben im Flussverlauf geöffnet wird. An manchen Stellen fährt der Kapitän langsam, obwohl es keine offensichtliche Gefahr gibt. Angesichts der mystischen Kreise, der kleinen und großen Strudel fällt es jedoch nicht schwer, sich vorzustellen, dass Gefahr unter der Wasseroberfläche lauert. Sei es ein Felsen oder ein Flussgeist. Allen voran natürlich die Wasserschlange Naga. Die Kapitäne gehen kein Risiko ein: Opfer aus Reis und Obst können nie schaden – ob vor der Abfahrt, vor der eigenen Mahlzeit oder beim Anlegen. Man kenne schließlich die ansässigen Ortsgeister nicht. Und anschließend könne man besser schlafen, versichern sie.


3738374037413742



Die Naga windet sich auch entlang der scheinbar ewig langen Treppe hinauf zum Tempel Vat Chom Khao hinauf. Sie verbindet als Balustrade an den Seiten die menschliche Welt mit der göttlichen. Ihr Kopf mit dem demonstrativ geöffneten Maul befindet sich am unteren Treppenabsatz, sodass die Einwohner von Huay Xai im Vorbeigehen ein wenig Reis auf die Zunge legen können. Ob sie eine bestimmte Sorte bevorzugt? Nirgendwo auf der Welt gibt es mit 100 Sorten eine größere Vielfalt dieses Grundnahrungsmittels, das ganz unterschiedlichen Zwecken dient: Aus Reis brauen die Laoten Bier und brennen Schnaps. Reiswasser dient als Shampoo, Reisstroh für den Anbau von Pilzen und als Tierfutter. „Wie geht es dir?“ heißt auf Laotisch so viel wie „Hast du heute schon Reis gegessen?“. Generell ist das Wort Essen ohne den Begriff Reis undenkbar. Im Gegensatz zu ihren Nachbarländern bauen die Laoten als Selbstversorger jedoch nur einmal pro Jahr Reis an, er wird nicht exportiert. Man hat schließlich noch anderes zu tun: Holzkohleherstellung, Fischen, Hausbau und was dem Bürgermeister in seiner Morgenansprache einfällt. Monoton schallt die Stimme des sozialistischen Volksvertreters morgens über die Wasseroberfläche des Mekongs. Bis vor wenigen Jahren konnte sich hier niemand einen Fernseher leisten.


374437453746


Doch auch in Laos hat der Fortschritt Einzug gehalten. Die Longtailboote, die über den Fluss knattern, haben fast alle eine Satellitenschüssel an Bord. Wasserbüffel sieht man nicht mehr bei der Feldarbeit. Sie liegen dekorativ neben indischen Buckelrindern auf den Sandbänken am Ufer und freuen sich ihres Lebens, bis sie als Bio-Fleisch nach China verkauft werden. Und leider kommen auch die Affen nicht mehr am Nachmittag zum Trinken an den Fluss, so wie es die Kapitäne von früher erinnern. Doch jetzt ist gerade Konzentration angesagt: Scharf gezackte Felsen ragen aus dem Wasser, der Mekong zeigt sein Können mit Stromschnellen und einer Fließgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde. Die Berge am Ufer werden höher. Die Mekong Pearl muss sich ins Zeug legen, ihr Rumpf vibriert. Wir fahren vorbei an chinesischen Bananenplantagen, die Stauden wachsen direkt in weiße Säcke hinein, fertig für den Export. Die Berge sind von Kautschukplantagen bewachsen. Doch auch der Teak kehrt langsam zurück, er blüht gerade gelb. Die beeindruckende Landschaft zieht alle Passagiere in ihren Bann...




zum Seitenanfang
.