Abenteuer Amazonas

Bisher sind es nur wenige kleine Kreuzfahrtschiffe, die den Amazonas oberhalb von Manaus befahren. Motorschlauchboote sind hier für Erkundungsfahrten und Landgänge unbedingt notwendig. Im Segment für den bürgerlichen Geldbeutel füllt die „Hamburg“ diese Lücke. Oliver Schmidt begab sich auf Entdeckungen.

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Das Wort „Weißwasser“ ist eine blumige Umschreibung für die lehmbraune Brühe, die um die Ankerkette gurgelt. Und mit welcher Geschwindigkeit! Erst die vor Anker liegende Hamburg macht die Schnelle des mächtigsten Erdstroms deutlich. Hier, kurz vor Manaus, ist der Amazonas noch gute zwei Kilometer breit, und „um den leergepumptem Bodensee wieder mit Wasser zu füllen, würde er zwei Tage brauchen, während der Rhein dafür sieben Jahre benötigt“, wie der örtliche Guide anschaulich darstellt. Auch, wenn Manaus eine Großstadt mit viel Industrie ist, die fast täglich von seegehenden Schiffen angelaufen wird, gelten hier eigene Gesetze. Vorschriften, die man nirgends nachlesen kann, weil der Fluss sie macht mit seinen über Nacht hingespülten Sandbänken, plötzlichen Untiefen und Stromschnellen, seinem eigenwilligen Ankergrund und nicht zuletzt seinen täglichen Regengüssen, bei denen man schwören würde, es sei zwischen Himmel und Erde mehr Wasser als Luft. Die Amazonaslotsen auf der Brücke sind nach eigenen Angaben die höchstbezahlten der Welt. Ein Kräuseln der Wasseroberfläche verrät ihnen, was darunter ist, ein Solitär unter den Urwaldriesen dient ihnen als Wegweiser auf der langen Strecke. Vom Atlantik 2500 Flusskilometer bis Manaus, und bis Iquitos im pazifiknahen Peru nochmal die Hälfte dazu.


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Langsam passiert die Hamburg die vielen hölzernen Linienboote, mit denen Einheimische für rund 60 Dollar die Strecke bis Iquitos zurückgelegen könnten. In Hängematten und bei Selbstverpflegung. Leisten können sich diesen „Luxus“ indes nur die Städter. Wer tausend Kilometer entfernt am Flusslauf wohnt, könnte in Manaus kostenlos ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen – wenn er denn die Reise dorthin bezahlen kann, die ihn ein Jahreseinkommen kostet. Ganz in der Nähe des großen Marktes macht die Hamburg fest. In einer Kopie der alten Pariser Markthallen, hier liebevoll restauriert, wird der Fischreichtum des Flusses deutlich. Flusskrebse in ungeheuren Mengen warten – ungekühlt! – auf ihre Käufer. Lieber zieht man eine Halle weiter und atmet den Duft frischen Obstes. Alles, was der nahe Dschungel hergibt, vermischt sich zu einem wahrhaft paradiesischen Odem. Wer’s noch exotischer mag, wagt einen Blick auf Medikamente, Aphrodisiaka und ein Weckglas mit eingelegter Schlange. Auch an braunen Flaschen mit der Aufschrift „Natural Viagra“ herrscht kein Mangel.


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Kaum eine Stadt in Lateinamerika, die man nicht als „Stadt der Gegensätze“ bezeichnen könnte. Hier sind sie besonders krass, begibt man sich auf die Spuren der Kautschukbarone. Zum Beispiel in der stattlichen Villa des Deutschen Waldemar Scholz, der sich einen eigenen Zoo mit Giraffe leistete. Oder beim Abendprogramm, einer dreiviertelstündigen Jazz-Session im legendären Opernhaus, für das das Gros der Baumaterialien einst aus Europa herbeigeschafft wurde. Stolz war man auf namhafte Künstler, die für egal welchen Preis zu einem Opernabend in den Dschungel expediert wurden, wie man umgekehrt die Wäsche zum Waschen nach Europa schickte. Dekadenz pur. Nur Enrico Caruso gab der merkwürdigen Gesellschaft am Rande der Zivilisation einen Korb, zu groß war seine Angst vor der tückischen Malaria. Das alles ging freilich nur gut, bis der Kautschuk-Samen außer Landes geschmuggelt und dem Reichtum quasi über Nacht das Lebenslicht ausgeblasen wurde. Lange brauchte Manaus, um andere Industrien zu erschließen, noch länger das Opernhaus, um aus seinem Dornröschenschlaf wieder zu erwachen....



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